Panama – der Sprung nach Südamerika

Wer unsere ursprüngliche Reiseplanung noch in Erinnerung hat, der wird sich am Abschluss des letzten Blogeintrages vermutlich gewundert haben. Eigentlich besagte diese ursprüngliche Planung doch, aus Costa Ricas Hauptstadt San Jose nach Quito – also nach Ecuador – zu fliegen. Jetzt sind wir in Panama – also wieso eigentlich Panama ? Aufklärung tut not .. Es gab mehrere Gründe, unsere ursprüngliche Planung anzupassen.

Die ursprüngliche Planung hatte von vornherein einen Haken – besagte sie doch, dass wir im Mai 2015 in Patagonien ankommen wollten. Mai bedeutet auf der Südhalbkugel Winter und in Patagonien bedeutet Mai „tiefster Winter“. Zum Radfahren ist das in der verlassenen Einsamkeit in Richtung Kap Hoorn kein guter Termin. Uns war das von vornherein klar, aber wir hatten das Ziel dennoch mal gesetzt. Man weiß ja nie, wie’s kommt.

Zweiter Grund war, dass uns von anderen Reisenden, die wir auf unserem Weg getroffen haben, immer wieder von den Reizen Kolumbiens vorgeschwärmt wurde. Landschaft, Städte und Menschen sollen eine besondere Erfahrung sein. Außerdem ist der Radsport in Kolumbien nach Fussball Nationalsport Nr. 2. Das machte uns den Mund wässrig und muss doch eine Reise wert sein.

Der dritte Punkt war, dass die Flüge aus Costa Rica nach Südamerika ein kleines Vermögen kosten. Auch mit Tricks und Kniffen war zum Beispiel der Flug nach Quito nicht unter €500 zu drücken. Aus Panama City wird es etwas günstiger, aber ein „Billigflug“ war nicht aufzutreiben. Die günstigere Variante ist dann die Fähre, die von Colon in Panama auf der Karikbikseite nach Cartagena in Kolumbien verkehrt. Für etwa €120 pro Person ist man hier dabei. Man mag glauben, dass es nicht so schwierig sein sollten, von Mittel- nach Südamerika zu kommen. Tatsächlich gibt es neben dem Flug (s.o.) nicht viele Alternativen. Die besagte Fähre verkehrt erst seit einigen Monaten zwischen Colon und Cartagena in Kolumbien und ist quasi ein Meilenstein in der Schiffsverbindung nach Südamerika. Zuvor gab es ‚innovative‘ Lösungen, wie die „Stahlratte“, ein berühmt-berüchtigtes alternatives „Segelprojekt“. Anderes Lösungen sind und waren private Segler, die für ca. $500 pro Person Ihre Dienste anbieten.

Wir haben also unsere Ziele etwas korrigiert und werden aus Santiago de Chile zurückkehren. Bis dahin werden alle Ziele der Route – also Ecuador, die Inkastätten in Peru, der Altiplano in Bolivien mit seinen Salzseen und Chile selbst – unverändert bleiben. Geplant sind nun drei Wochen in Kolumbien, hauptsächlich im Hochland südlich von Medellin.

Die Bilder aus Panama findet ihr hier.

Aus Costa Rica hinaus führte uns der Weg entlang der Panamericana nach David, der zweitgrößten Stadt Panamas. Panama war das erste Land, das einen Nachweis drüber verlangte, dass man gewillt ist, das Land auch wieder zu verlassen. Panama hat zwar offiziell eine eigene Währung  – den Balboa – Landeswährung ist aber faktisch der Dollar. Panama zeigte sich zwar etwas günstiger als Costa Rica, aber auch hier ist das Preisniveau immer noch deutlich höher als in den vor Costa Rica liegenden Ländern. In Panama und David angekommen, zeigte sich Panama von seiner authentischen Seite. Es gibt wieder Straßenküchen, man hört wieder mehr Musik auf der Straße und – ja, es liegt auch wieder mehr Müll auf den Straßen.

In Panama sieht man wieder Trachten auf der Strasse.

In Panama sieht man wieder Trachten auf der Strasse.

Open Air Friseur in Panama City

Open Air Friseur in Panama City

Maschine zum Pressen von Zuckerrohr

Maschine zum Pressen von Zuckerrohr

Ausgequetschtes Zuckerrohr - schööööön süß !

Ausgequetschtes Zuckerrohr – schööön süß !

Panama ist aber nach unserem Eindruck auch ein Boomland. Es wird gebaut, was das Zeug hält. Ob es der vierspurige Ausbau der Panamericana, die Vergrößerung des Kanals oder der Bauboom in Panama City ist – überall „geht die Post“ ab.

Panama City .. und überall Container von "Hamburg Süd"

Panama City .. Glaspaläste und überall Logistik – hier ein Container von „Hamburg Süd“

Skyline von Panama

Skyline von Panama

Wer nach Panama kommt, der muss natürlich den Panama Kanal sehen. Auch wir waren sehr neugierig darauf, dieses „Jahrhundertbauwerk“ zu erleben. Der Isthmus von Panama – also die schmalste Stelle zwischen Pazifik und Karibik/Atlantik war schon lange vor den Zeiten des Kanals ein wichtiger Handelsweg. Zu Zeiten der spanischen Besetzung Mittelamerikas war Portobello ein wichtiger Hafen, um die Goldschätze nach Spanien zu verschiffen. Später war die Eisenbahnlinie zwischen Colon an der Karibik und Panama City auf der Pazifikseite ein wichtiger Reiseweg. Tatsächlich ist während des Goldrausches Mitte des 19. Jahrhunderts die Bahnverbindung der Hauptreiseweg zwischen der Ostküste der USA und der Westküste. Die „Stampeders“ nahmen diesen lange Umweg in Kauf, um den kriegerischen Indianern aus dem Weg zu gehen. Ein durchgängige Bahnverbindung von Ost nach West gab es in dieser Zeit in den USA noch nicht.

Der Kanal spukte angesichts der offensichtlichen Vorteile schon lange in den Köpfen insbesondere der Kolonialmächte herum. Und so waren es die Franzosen, die den ersten Anlauf wagten. Mit Ferdinand de Lesseps schickten sie auch gleich ihren besten Mann. Mit dem Bau des Suez Kanals hatte de Lesseps bereist bewiesen, dass er für diesen Job qualifiziert war. Allerdings biss er sich hier die Zähne aus. Sein ehrgeiziger Plan bestand darin, den Kanal ganz ohne Schleusen zu realisieren. Die Topografie Panamas, das Wetter und Krankheiten liessen das Projekt zum Desaster werden. Nach acht Jahren und etwa 20.000 an Gelbfieber und Malaria gestorbenen Arbeitern stellte Frankreich das Projekt ein. Die Überreste nahmen die Amerikaner einige Jahre später dankend an, als sie kurz nach der Erklärung der Unabhängigkeit Panamas dessen Souveränität anerkannten und in einem Nacht und Nebel Deal die Rechte für den Kanalbau sicherten. Die Rechte beinhalteten auch die Vereinbarung, dass der Kanal selbst und ein 8km breiter Sicherheitsstreifen zu beiden Seiten unter amerikansicher Souveränität stehen würden –also amerikanisches Staatsgebiet werden. 1914 wurde der Kanal eröffnet und war für seine Zeit ein Jahrhundertbauwerk. Schiffe die die Schleusen von etwa 300  Metern Länge ausfüllen würden, waren damals nicht in Sicht. Später wurde eine ganze Klasse von Frachtschiffen den Maßen der Schleusen angepasst. Die „PanaMax“ Klasse ist mit 4.600 Containern das meistgebaute Frachtschiff der Welt. Heute sind diese Schiffe allerdings viel zu klein. Die großen Containerschiffe heutiger Generation  – die Post-PanaMax Klasse sind wesentlich größer und passen nicht mehr in die Schleusen.

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Containerfrachter der PanaMax Klasse unter der Brücke de las Americas.

Seit 2007 wird daher hier nachgerüstet und es werden neue, größere Schleusen gebaut, die dann Schiffe mit bis zu 12.000 Containern bewältigen. Eigentlich sollten sie 2014 – zum 100. Geburtstag des Kanals fertig sein – aber auch Panama hat seine Probleme mit Großprojekten.

Wir waren also an einem geschichtsträchtigen Ort. Die Brücke über den Panama Kanal – die „Puente de los Americas“ kennt vermutlich jeder. Nomen est Omen – auch in diesem Fall, denn die Brücke gilt als die Verbindung zwischen den „beiden Amerikas“, also als Verbindung zwischen Nord- und Südamerika. Es gibt andere Definitione, wo Südamerika beginnt, aber für uns war diese jetzt erst einmal die Ausschlaggebende. Als die Brücke dann also in Sicht kam, lief uns schon eine Gänsehaut den Rücken herunter .. Nach mehr als 11.000 Kilometern lag dort vor uns also Südamerika. Ein spannender Moment ! Der Verkehr auf der Brücke ist heftig und so war die Überquerung nicht gerade gemütlich, aber doch „erhebend“.

Überfahrt über die "Puente de los Americas"

Überfahrt über die „Puente de los Americas“

Die "Puente de los Americas"

Die „Puente de los Americas“

Überfahrt über die "Puente de los Americas" - wir sind in Südamerika !

Überfahrt über die „Puente de los Americas“ – wir sind in Südamerika !

Auf der anderen Seite erhob sich dann majestätisch die Skyline von Panama City. Seit langer Zeit mal wieder eine echte Großstadt – mit gläsernen Wolkenkratzern und allem was dazu gehört. Im Scherz wird Panama City das „Miami Mittelamerikas“ genannt – nur dass hier mehr Englisch gesprochen wird. Panama besteht im Grunde aus zwei Teilen – der alten Stadt Casco Viejo und der neuen Stadt –  „downtown“ – mit all ihren Wolkenkratzern.

Plaza de Bolivar in Panama City.

Plaza de Bolivar in Panama City/Casco Viejo

Altes und Neues liegen in Panama City eng beienander

Altes und Neues liegen in Panama City eng beienander

Wir bezogen in der Mitte zwischen den beiden Teilen Quartier und nahmen uns zwei Tage Zeit, um die Stadt kennenzulernen. Panama ist ein geschichtsrächtiger Ort – hier kamen Simon Bolivar und andere Führer Süd- und Zentralamerikas 1826 zusammen, um eine Föderation der Vereinigten Staaten von Mittel- und Südamerika zu gründen.

Die Mixtur aus historischem Kern und vibrierender Großstadt hat uns gut gefallen. Panama City hat seinen eigenen, positiven Charme. Eine nagelneue Metro (fahrerlos, 30 Cent pro Fahrt, Züge von Alstom ..), ein Bauboom in der Stadt und die Anwesenheit aller großer Hotelketten inklusive des beeindruckenden „Hardrock Hotel“ zeugen davon, dass Geld in der Stadt und im Land ist.

An  unserem ersten Tag in Panama City führte uns der Weg an die Miraflores Schleusen. „Unser“ Schiff, das wir beim Schleusen beobachten konnten, war die „Prime Ace“, ein Autotransporter unter panamesischer Flagge. Lieber hätten wir statt des beigen Schuhkartons von etwa 200 m Länge einen schönen bunten Containerfrachter gesehen, aber auch das erstaunlich zügige Schleusen der Prime Ace war interessant. Lokomotiven sorgen dafür, dass die Schiffe schön mittig in der Schleuse bleiben und nicht etwa „verkanten“.

Schleusen eines Autotransporters - PanaMax Klasse

Schleusen eines Autotransporters – PanaMax Klasse

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Nach denTagen in Panama City ging es weiter nach Colon. Wir befinden uns am schmalsten Punkt Mittelamerikas, also ist die Strecke vom Pazifik zum Atlantik/Karibik auch mit dem Rad an einem Tag zu machen. 75 Kilometer sind ein Katzensprung. Colon ist der komplette Gegenentwurf zu Panama City. Weite Teile der Stadt sind ein Slum. Der erste wirkliche Slum, den wir während unserer Reise kennengelernt haben. Verfallene Häuser, Trümmer, Müllhaufen, dubiose Menschen auf der Straße. Die Blicke und Rufe folgten uns, als würden Aliens mit einem Raumschiff auf Braunschweigs Kohlmarkt landen. Colon ist kein Ort, an dem man sich gern aufhält. Der „Lonely Planet“ – eine unserer zentralen Informationsquellen – hatte davor gewarnt (nur zwei hochpreisige Hotels in der Stadt werden als „sicher“ eingestuft, weil sie einen bewaffneten 24h Wachservice haben), aber wir haben das beim Lesen erst einmal als übertrieben eingestuft …. und sind einfach mal reingefahren. Als wir drin waren, wussten wir, dass der Lonely Planet hier mal nicht übertrieb. Die Suche nach Alternativen zu oben genannten Hotels erwies sich als schwierig. Nichts in Sicht ..  Flaco – ein halbwegs vertrauenswürdiger Kollege, der eigenen Angaben nach die ganze Welt gesehen hat und auch schon in Berlin wohnte, nahm sich unserer an und führte uns zu einigen Hotels (.. jene, vor denen der Lonely Planet warnt ..). Die Information, dass wir ein „Hotel economico“ (preisgünstig ..) suchen, nahm Flaco jedoch etwas zu ernst und so kam ich in den Genuss, auch einmal karibische Stundenhotels und deren gesamte Servicepalette in Augenschein nehmen zu können. Die 12 $ (pro Nacht .. die Stunde kostet $3) sind zwar „economico“, aber der Rest passte dann doch nicht. Schließlich sprach uns Alain an – ein Franzose, der wie wir am nächsten Tag mit der Fähre nach Cartagena fahren wollte. Er gab uns den Tipp zu einem vernünftigen Hotel (Hotel Charlton), in dem wir die Nacht verbringen konnten.

Punktuell wurde auch in Colon investiert. So gibt es einen Kreuzfahrthafen, in dem Kreuzfahrtschiffe auf Karibik-Rundreise anlegen, um von dort die Schleusen des Panama Kanals an der Gatun Schleuse zu besichtigen, oder um nach Panama City zu fahren.

Von dort aus fuhr auch unsere Fähre. Bevor es an Bord ging, hiess es erst einmal die Fahrräder zu verladen. Hört sich einfach an, war es aber nicht. Die Fähre verfügt als Roll-on-Roll-off Schiff zwar über schöne breite Auffahrrampen, aber aus welchen Gründen auch immer werden seit einigen Wochen keine Autos mehr verladen. Alle Passagiere sind Fussgänger. Dazu kamen in unserem Fall 5 Motorräder … und zwei Fahrräder. Alle Fussgänger werden über einen schmalen Steg geleitet. Für Motorräder und Fahrräder wird eigens eine abenteuerliche Lösung impovisiert, indem hinter der Fähre ein maroder Schwimmponton vertäut wird, auf den dann eine der Auffahrrampen der Fähre herabgelassen wird. Vom Kai wird eine Eisenplatte auf den Ponton gelegt – fertig ist die Laube. Die italienische Crew beäugte das alles ebenso skeptisch wie wir – aber alles hielt und wir kamen an Bord.

Skeptische italienische Crew beobachtet panamesische Arbeiter beim Pontonbau

Skeptische italienische Crew beobachtet panamesische Arbeiter beim Pontonbau

improvisierter Überweg für Motorräder und Fahrräder am Heck der Fähre. Über diesen Steg soll es gehen ..

improvisierter Überweg für Motorräder und Fahrräder am Heck der Fähre. Über diesen Steg soll es gehen ..

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5 Motorräder, 1 „.. Ding“, 2 Fahrräder .. die Fracht der SNAV Adriatico

An Bord der Fähre angekommen glaubten wir unseren Augen fast nicht. Die „SNAV Adriatico“ fährt unter italienischer Flagge und verkehrt wohl normalerweise in der Adria. An Bord eine italienische Crew. Geräumige Kabinen und auch sonst .. die 18 Stunden an Bord waren gefühlt reiner Luxus.

Luxusfähre ..

Luxusfähre ..

Italienische Luxusfähre von Colon nach Cartagena

Italienische Luxusfähre von Colon nach Cartagena

Die Bilder aus Panama findet ihr hier.

Für uns geht es also nun nach Kolumbien. Unsere erste Station wird Cartagena sein. Von dort aus verschifften die Spanier einen großen Teil des Raubgoldes aus Süd- und Mittelamerika nach Europa. Cartagena wurde deshalb häufig von Piraten überfallen und von den Spaniern zur Festung ausgebaut. Dieser historische Teil der Stadt ist heute die Attraktion.

Wir sind gespannt auf Kolumbien und hoffen, Euch von netten Begegnungen, schönen Landschaften und sicher von hohen Bergen berichten zu können. Bis dahin !

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2 Gedanken zu “Panama – der Sprung nach Südamerika

  1. Hallo Ihr Beiden Weltenbummler,

    wie immer kurzweilig und herrlich geschrieben, Kompliment Holger, man fühlt sich ein wenig dazugehörig.
    Könnte ihr die vielen Eindrücke überhaupt noch verarbeiten? Das muss doch ein overkill an Farben, Geräuschen und Gerüchen sein.
    Ganz liebe Grüsse aus dem eher tristen und grauen Braunschweig.

    Olaf

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